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Bevölkerungsschutz-Pakt: Verbände fordern Milliarden für Robotik und KI statt reiner Bestandserneuerung

Gesellschaft

Fachverbände fordern, dass der zehn Milliarden Euro schwere Pakt für den Bevölkerungsschutz nicht nur bestehende Ausrüstung erneuert, sondern gezielt in Robotik, Drohnen und Künstliche Intelligenz investiert. Das Deutsche Rettungsrobotik-Zentrum (DRZ) und die Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) verlangen eine eigenständige Innovationssäule mit eigenem Budget innerhalb des bis 2029 laufenden Programms.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Bund investiert bis 2029 zehn Milliarden Euro in den Bevölkerungsschutz, das Bundeskabinett hat den Pakt im Mai 2026 beschlossen.
  • DRZ und vfdb fordern eine eigenständige Innovationssäule für Robotik, Drohnen und KI mit eigenem Budget.
  • Das Technische Hilfswerk (THW) zählt aktuell 88.000 ehrenamtliche Einsatzkräfte an 669 Standorten und leistete 2025 rund 600.000 Einsatzstunden.
  • Das Sirenenprogramm soll bis 2027 eine zentrale Ansteuerung ermöglichen, die Warn-App NINA wird um Zufluchtsort-Informationen erweitert.

Was die Verbände fordern

Das Deutsche Rettungsrobotik-Zentrum und die Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes haben am 18. August 2026 in einer gemeinsamen Erklärung eine klare Forderung an die Bundesregierung gerichtet: Der Pakt für den Bevölkerungsschutz darf kein reines Beschaffungsprogramm werden. Dirk Aschenbrenner, Vorstandsvorsitzender des DRZ, betonte, die Milliarden müssten einen „Fähigkeitspakt für die Zukunft“ finanzieren. Konkret verlangen die Verbände, dass unbemannte Luft- und Bodensysteme, Robotik und Künstliche Intelligenz eine eigene Budgetlinie innerhalb des Zehn-Milliarden-Pakets erhalten. Ohne eine solche strukturelle Verankerung bestehe die Gefahr, dass Innovationen im Katastrophenschutz weiterhin an der Erprobungsphase scheitern, weil der Transfer in die Fläche fehlt.

Zehn Milliarden Euro bis 2029: Wofür das Geld vorgesehen ist

Das Bundeskabinett hat den Pakt für den Bevölkerungsschutz im Mai 2026 verabschiedet. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) koordiniert die Umsetzung. Die Mittel fließen in mehrere Schwerpunkte: moderne Ausrüstung für Einsatzkräfte, resiliente Standorte für das THW, eine verbesserte Trinkwasser- und Notstromversorgung sowie den Ausbau der Warnsysteme. Das bundesweite Sirenenprogramm soll bis 2027 eine zentrale Ansteuerung aller Sirenen ermöglichen. Die Warn-App NINA wird um Informationen zu öffentlichen Zufluchtsorten erweitert. Zusätzlich plant der Bund, Zivilschutzinhalte in den Schulunterricht zu integrieren.

Eine detaillierte Aufschlüsselung der zehn Milliarden Euro nach Einzelposten hat die Bundesregierung bislang nicht veröffentlicht. Genau hier setzen die Verbände an: Ohne eine transparente Aufteilung bleibe unklar, welcher Anteil tatsächlich in neue Technologien fließt und welcher Anteil lediglich den Bestand erneuert.

Die Zahlen: Wie Deutschland beim Bevölkerungsschutz aufgestellt ist

Kennzahl Wert Quelle, Stand
Ehrenamtliche THW-Einsatzkräfte 88.000 THW Jahresrückblick, Stand Januar 2026
THW-Ortsverbände 669 THW Jahresrückblick, Stand Januar 2026
THW-Einsatzstunden 2025 rund 600.000 THW Jahresrückblick, Stand Januar 2026
Neu beschaffte Fahrzeuge 2025 rund 430 THW Jahresrückblick, Stand Januar 2026
THW-Bauprogramm 2,7 Milliarden Euro für 200 Baumaßnahmen THW, Stand 2025
Pakt Bevölkerungsschutz gesamt 10 Milliarden Euro bis 2029 Bundeskabinett, Mai 2026

Warum Innovation im Katastrophenschutz bisher zu kurz kommt

Die Forderung der Verbände hat einen konkreten Hintergrund. Das DRZ erforscht seit Jahren den Einsatz von Rettungsrobotern in Trümmerlagen, bei Gefahrstoffunfällen und in überfluteten Gebieten. Anja Hofmann-Böllinghaus, Vizepräsidentin der vfdb, verwies darauf, dass praxisnahe Forschung die Sicherheit in Deutschland direkt erhöhe. Das Problem: Zwischen erfolgreicher Erprobung und dem tatsächlichen Einsatz bei den rund 669 THW-Ortsverbänden und den über eine Million Feuerwehrangehörigen in Deutschland klafft eine Lücke. Prototypen funktionieren in kontrollierten Umgebungen, erreichen aber selten die Einsatzkräfte vor Ort. Das DRZ fordert deshalb einen strukturierten Technologietransfer, der neue Systeme unter realistischen Bedingungen erprobt und erfolgreiche Lösungen anschließend in die Breite bringt.

Parallel entsteht am DLR-Standort Cochstedt ein Technologiezentrum für Drohnensicherheit. Die Anlage soll unter anderem testen, wie unbemannte Flugsysteme in Katastrophenszenarien eingesetzt werden können, ohne den Einsatzbetrieb zu gefährden.

Wer betroffen ist

Der Pakt für den Bevölkerungsschutz betrifft Millionen Menschen in Deutschland. Die 88.000 ehrenamtlichen THW-Einsatzkräfte und die rund eine Million Feuerwehrangehörigen tragen den Katastrophenschutz. Allein das THW leistete 2025 rund 600.000 Einsatzstunden und lieferte 430 neue Fahrzeuge aus. Für die Helferinnen und Helfer geht es darum, ob sie künftig mit moderner Technik ausgestattet werden oder weiter auf veraltete Systeme angewiesen bleiben. Für die Bevölkerung geht es darum, ob Warnungen rechtzeitig ankommen, ob im Krisenfall Trinkwasser und Strom gesichert sind und ob Rettungskräfte schnell genug vor Ort sein können.

Wie es weitergeht

Der Zeitplan für den Pakt steht. Bis 2027 soll das Sirenenprogramm zentral ansteuerbar sein. Bis 2029 sollen die zehn Milliarden Euro vollständig investiert sein. Die Verbände drängen darauf, dass die Bundesregierung die Mittelverteilung noch im Rahmen der Haushaltsverhandlungen für 2027 transparent aufschlüsselt. Der nächste Prüfstein ist der Bundeshaushalt 2027, der im Herbst 2026 im Bundestag verhandelt wird. Dort wird sich zeigen, ob Innovation tatsächlich einen eigenen Posten bekommt oder ob das Geld überwiegend in die Erneuerung bestehender Ausrüstung fließt. Die Forderung des DRZ und der vfdb zielt darauf, diese Weichenstellung jetzt zu beeinflussen, bevor die Haushaltslinie feststeht.

Einordnung

Der Pakt für den Bevölkerungsschutz ist die größte Einzelinvestition in die zivile Sicherheit seit Gründung der Bundesrepublik. Dass Fachverbände bereits wenige Monate nach dem Kabinettsbeschluss öffentlich Nachbesserungen fordern, zeigt ein grundsätzliches Spannungsfeld: Beschaffung sichert den Betrieb von heute, Innovation sichert die Einsatzfähigkeit von morgen. Beides gleichzeitig zu finanzieren, ist der eigentliche Test für den Pakt. Die Erfahrung aus dem Sondervermögen Bundeswehr hat gezeigt, dass hohe Summen allein keine Modernisierung garantieren, wenn die Strukturen für Technologietransfer fehlen.

Häufige Fragen

Was ist der Pakt für den Bevölkerungsschutz?

Der Pakt für den Bevölkerungsschutz ist ein vom Bundeskabinett im Mai 2026 beschlossenes Investitionsprogramm über zehn Milliarden Euro. Die Mittel fließen bis 2029 in Ausrüstung, Warnsysteme, Infrastruktur und Ausbildung für den Zivil- und Katastrophenschutz in Deutschland.

Warum fordern die Verbände eine Innovationssäule?

Das Deutsche Rettungsrobotik-Zentrum und die vfdb sehen die Gefahr, dass die Mittel überwiegend in die Erneuerung bestehender Ausrüstung fließen. Technologien wie Rettungsroboter, Drohnen und KI-gestützte Systeme bräuchten eine eigene Budgetlinie, damit sie den Weg von der Forschung in den Einsatzalltag der 88.000 THW-Kräfte und über eine Million Feuerwehrangehörigen schaffen.

Wann wird das Sirenenprogramm abgeschlossen sein?

Die Bundesregierung plant, bis 2027 eine zentrale Ansteuerung aller Sirenen in Deutschland zu ermöglichen. Parallel wird die Warn-App NINA um Informationen zu öffentlichen Zufluchtsorten erweitert, um die Bevölkerung im Krisenfall schneller zu erreichen.

Quellen:
Presseportal / DRZ und vfdb,
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

Tobias Kramer
Tobias Kramer

Tobias Kramer schreibt über Technologie, Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Nach einem Informatikstudium wechselte er in den Fachjournalismus und beobachtet seit zehn Jahren die Tech-Branche. Bei Meldungen.net betreut er die Ressorts Technologie und Karriere.

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