Eine Recherche des Bayerischen Rundfunks hat eine bislang unbekannte Sicherheitslücke in deutschen Mobilfunknetzen offengelegt. Die Schwachstelle betrifft Signalisierungsprotokolle, über die sich Standortdaten abfragen, Gespräche umleiten und SMS abfangen lassen. Der CDU-Sicherheitspolitiker Roderich Kiesewetter fordert angesichts der Erkenntnisse schärfere Regulierung.
- Der Bayerische Rundfunk hat eine Sicherheitslücke in Mobilfunknetzen aufgedeckt, die Standortverfolgung und Kommunikationsüberwachung ermöglicht.
- Betroffen sind die Signalisierungsprotokolle SS7 und Diameter, die weltweit in 2G-, 3G- und 4G-Netzen zum Einsatz kommen.
- Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) registrierte zuletzt 119 neue Schwachstellen pro Tag in Softwareprodukten (BSI-Lagebericht 2025).
- Die seit Dezember 2025 geltende NIS2-Richtlinie verpflichtet 29.500 Organisationen in Deutschland zu verschärften Sicherheitsstandards.
Was der Bayerische Rundfunk aufgedeckt hat
Die exklusive Recherche des BR zeigt, dass Mobilfunknetze in Deutschland weiterhin über bekannte Protokollschwächen angreifbar sind. Im Zentrum steht das Signalling System 7 (SS7), ein Protokoll aus den 1970er-Jahren, das ursprünglich für die Kommunikation zwischen Telefonvermittlungsstellen entwickelt wurde. Trotz seines Alters bildet SS7 nach wie vor das Rückgrat der Signalisierung in 2G- und 3G-Netzen. Sein Nachfolger Diameter, der in 4G-Netzen eingesetzt wird, weist nach Einschätzung internationaler Sicherheitsforscher vergleichbare Schwachstellen auf.
Roderich Kiesewetter, CDU-Bundestagsabgeordneter und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss, stufte die Erkenntnisse als sicherheitspolitisch brisant ein. Kiesewetter gehört zu den profiliertesten Sicherheitspolitikern der Union und fordert seit Jahren eine stärkere Absicherung kritischer Infrastruktur.
Die drei Schwachstellen der Mobilfunksicherheit
Die Sicherheitsprobleme in Mobilfunknetzen lassen sich auf drei zentrale Angriffsvektoren zurückführen, die internationale Forschungseinrichtungen wie das Citizen Lab an der Universität Toronto dokumentiert haben.
Der erste Angriffsvektor betrifft die Standortverfolgung. Über SS7-Abfragen an das Home Location Register (HLR) und das Visitor Location Register (VLR) lässt sich der Aufenthaltsort eines Mobiltelefons auf wenige hundert Meter genau bestimmen. Weder der Netzbetreiber noch der Nutzer bemerken einen solchen Zugriff zwangsläufig.
Der zweite Angriffsvektor umfasst das Abfangen von Kommunikation. Angreifer können SMS-Nachrichten umleiten und Telefonate auf fremde Server weiterleiten. Besonders kritisch ist das für Zwei-Faktor-Authentifizierungen per SMS, die zahlreiche Banken und Online-Dienste weiterhin einsetzen.
Der dritte Angriffsvektor zielt auf SIM-Karten-Manipulation. Über speziell konstruierte binäre SMS lassen sich SIM Toolkit-Befehle an Endgeräte senden. Das Citizen Lab identifizierte 2026 zwei Bedrohungsakteure, die genau diese Methode nutzen: eine Gruppe manipuliert die Netzwerk-Weiterleitung, die andere setzt auf binäre SMS-Payloads.
| Kennzahl | Wert | Quelle, Stand |
|---|---|---|
| Neue Schwachstellen pro Tag (Software) | 119 | BSI-Lagebericht, Stand Juni 2025 |
| Jährlicher Schaden durch Cyberkriminalität in Deutschland | 289,2 Milliarden Euro | Bitkom-Studie, Stand 2025 |
| Anstieg der Cyberangriffe im DACH-Raum | +124 Prozent | Check Point Research, Stand Mai 2026 |
| Organisationen unter NIS2 in Deutschland | 29.500 | NIS2-Umsetzungsgesetz, Stand Dezember 2025 |
| Betroffene Unternehmen (Datendiebstahl, Spionage, Sabotage) | 87 Prozent | Bitkom-Studie, Stand 2025 |
Warum alte Protokolle bis heute im Einsatz sind
SS7 wurde in einer Zeit entwickelt, in der Telekommunikationsnetze geschlossene Systeme waren. Zugang hatten ausschließlich staatliche Telefongesellschaften. Mit der Liberalisierung der Telekommunikationsmärkte in den 1990er-Jahren öffneten sich die Netze für hunderte Betreiber weltweit. Das Vertrauensmodell von SS7 blieb dabei unverändert: Jeder Teilnehmer im Netzwerk gilt als vertrauenswürdig.
Der Nachfolger Diameter sollte dieses Problem lösen. Das Protokoll unterstützt grundsätzlich Verschlüsselung über TLS und IPsec. In der Praxis schalten viele Netzbetreiber diese Schutzmechanismen jedoch ab, weil sie die Interoperabilität zwischen verschiedenen Netzen erschweren. Damit weist Diameter in der Anwendung dieselben Schwächen auf wie sein Vorgänger.
Ein vollständiger Umstieg auf 5G würde die SS7-Problematik theoretisch beenden, da 5G-Standalone-Netze eigene Sicherheitsmechanismen mitbringen. Allerdings betreiben die deutschen Mobilfunkanbieter Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica ihre 5G-Netze bisher überwiegend im Non-Standalone-Modus, der weiterhin auf die 4G-Infrastruktur und damit auf Diameter zurückgreift.
Wer von den Schwachstellen betroffen ist
Grundsätzlich ist jeder Mobilfunknutzer in Deutschland potenziell betroffen. Die Bundesnetzagentur zählte Ende 2025 rund 170 Millionen aktive SIM-Karten im deutschen Markt. Besonders gefährdet sind Personen in exponierten Positionen: Politikerinnen und Politiker, Journalisten, Unternehmensverantwortliche und Aktivisten. Der globale Telekommunikations-Hack von 2024, bei dem die chinesische Hackergruppe Salt Typhoon in Netze von mindestens neun US-Providern eindrang, zeigte die geopolitische Dimension dieser Schwachstellen.
Für Verbraucher ergibt sich ein konkretes Risiko bei der Zwei-Faktor-Authentifizierung per SMS. Banken, E-Mail-Dienste und soziale Netzwerke nutzen SMS-TANs als zweite Sicherheitsebene. Wer diese Nachrichten über SS7-Schwachstellen abfängt, kann Konten übernehmen. Das BSI empfiehlt seit Jahren, auf App-basierte Authentifizierung umzusteigen.
Was die Politik jetzt unternimmt
Das im Dezember 2025 in Kraft getretene NIS2-Umsetzungsgesetz verpflichtet 29.500 Organisationen in Deutschland zu verschärften Sicherheitsstandards. Telekommunikationsanbieter fallen als Betreiber kritischer Infrastruktur unter die strengsten Anforderungen. Bei Verstößen drohen Bußgelder von bis zu zehn Millionen Euro oder zwei Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Die Bundesnetzagentur startete im Juni 2026 die zweite bundesweite Mobilfunk-Messwoche unter dem Motto „Check Dein Netz“. Die Aktion zielte primär auf Netzabdeckung und Geschwindigkeit. Sicherheitsaspekte der Signalisierungsprotokolle waren nicht Bestandteil der Messung.
Auf europäischer Ebene arbeitet die EU-Agentur für Cybersicherheit (ENISA) an verbindlichen Mindeststandards für die Absicherung von SS7- und Diameter-Schnittstellen. Ein Zeitplan für die Umsetzung liegt bisher nicht vor.
Die BR-Recherche reiht sich in eine Serie von Enthüllungen ein, die seit Jahren zeigen, dass Mobilfunknetze strukturell angreifbar sind. Das Grundproblem ist kein Softwarefehler, der sich mit einem Update beheben lässt. Es liegt in der Architektur von Protokollen, die auf Vertrauen statt auf Verifizierung setzen. Solange deutsche Netzbetreiber ihre 5G-Netze im Non-Standalone-Modus betreiben und damit auf die anfällige 4G-Infrastruktur zurückgreifen, bleibt die Angriffsfläche bestehen. Die NIS2-Richtlinie setzt den regulatorischen Rahmen. Ob die Netzbetreiber die nötigen Investitionen in Standalone-5G und Signalisierungssicherheit tatsächlich vornehmen, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.
Häufig gestellte Fragen
Kann mein Handy über SS7 abgehört werden?
Grundsätzlich ja. Über SS7-Schwachstellen lassen sich SMS abfangen und Telefonate umleiten. Der Angriff erfordert allerdings Zugang zum SS7-Netzwerk, den in der Regel nur Telekommunikationsanbieter oder staatliche Stellen besitzen. Für Privatpersonen ohne exponierte Position ist das individuelle Risiko gering, aber nicht ausgeschlossen.
Wie kann ich mich als Verbraucher schützen?
Das BSI empfiehlt, für die Zwei-Faktor-Authentifizierung auf App-basierte Verfahren wie TOTP-Apps oder Hardware-Sicherheitsschlüssel umzusteigen. SMS-TANs sollten nach Möglichkeit deaktiviert werden. Für vertrauliche Kommunikation bieten Ende-zu-Ende-verschlüsselte Messenger wie Signal einen zusätzlichen Schutz, der unabhängig vom Mobilfunknetz funktioniert.
Löst 5G das Sicherheitsproblem?
Ein reines 5G-Standalone-Netz bringt eigene Sicherheitsmechanismen mit und nutzt kein SS7 oder Diameter mehr. In Deutschland betreiben die Mobilfunkanbieter 5G jedoch überwiegend im Non-Standalone-Modus, der weiterhin auf 4G-Infrastruktur aufsetzt. Erst mit dem vollständigen Umstieg auf Standalone-5G entfällt die Abhängigkeit von den älteren Protokollen.
Quellen:
Presseportal / BR Bayerischer Rundfunk,
shattered.io / Cyberangriffe Deutschland 2026