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EVG droht mit Streik ab Januar 2027: Gewerkschaft fordert Schutzgesetz für Zugbegleiter

Wirtschaft

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG hat der Bundesregierung ein Ultimatum gestellt: Sollte bis Ende 2026 kein Gesetz zum Schutz von Zugbegleitern verabschiedet werden, drohen ab Januar 2027 bundesweite Streiks im Regionalverkehr. Auslöser der Eskalation ist der tödliche Angriff auf den Zugbegleiter Serkan Çalar im Februar 2026.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die EVG droht mit bundesweiten Streiks im Regionalverkehr ab Januar 2027, falls kein Schutzgesetz für Zugbegleiter kommt.
  • Statistisch werden jeden Tag acht Bahnbeschäftigte im Dienst angegriffen (DB Regio Gesamtbetriebsrat, Stand August 2026).
  • Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) kündigte Regierungsgespräche an, ein Gesetzentwurf befindet sich in der Ressortabstimmung.
  • Ein einzelner Streiktag im Bahnverkehr verursacht nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Kosten von bis zu 100 Millionen Euro.

Was die EVG fordert

Die EVG verlangt von der Bundesregierung eine Verschärfung des Strafrahmens bei Angriffen auf Zugbegleiter. Das geforderte Gesetz soll noch 2026 in den Bundestag eingebracht werden. Die Gewerkschaft orientiert sich dabei an der bereits geltenden Regelung für Rettungskräfte: Seit 2017 stehen tätliche Angriffe auf Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungssanitäter unter einem erhöhten Strafrahmen von bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe nach § 114 StGB. Zugbegleiter fallen bisher nicht unter diesen erweiterten Schutz, obwohl die EVG sie als ebenso exponiert betrachtet.

Sollte die Bundesregierung bis Jahresende keine gesetzliche Regelung vorlegen, will die EVG ab Januar 2027 zu bundesweiten Arbeitsniederlegungen im Regionalverkehr aufrufen. Zusätzlich könnten Betriebsräte die Zustimmung zu Dienstplänen verweigern, was den Zugbetrieb auch ohne formellen Streikbeschluss erheblich einschränken würde.

Der Auslöser: Tod eines Zugbegleiters

Den unmittelbaren Anlass für die Eskalation lieferte der Tod des Zugbegleiters Serkan Çalar. Anfang Februar 2026 wurde Çalar in einem Regionalexpress von einem Fahrgast angegriffen und tödlich verletzt. Das zuständige Gericht verurteilte den Täter wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu zehn Jahren Freiheitsstrafe. Der Fall löste eine breite Debatte über die Sicherheit von Bahnpersonal aus und gilt als Wendepunkt in der Haltung der EVG gegenüber der Politik.

Die EVG betrachtet den Fall Çalar nicht als Einzelereignis, sondern als Ergebnis einer langjährigen Entwicklung. Ralf Damde, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats von DB Regio, bezifferte die Lage im August 2026: „Statistisch gesehen werden jeden Tag acht Kollegen im Dienst angegriffen.“ Diese Zahl umfasst Beleidigungen, Bedrohungen und körperliche Übergriffe.

Die Zahlen zur Gewalt im Zugverkehr

Kennzahl Wert Quelle, Stand
Übergriffe auf Bahnpersonal pro Tag 8 Gesamtbetriebsrat DB Regio, August 2026
Strafrahmen bei Angriff auf Rettungskräfte (§ 114 StGB) bis 5 Jahre Freiheitsstrafe Strafgesetzbuch, seit 2017
Kosten eines Bahnstreiktags für die Wirtschaft bis zu 100 Mio. Euro Institut der deutschen Wirtschaft / WirtschaftsWoche, 2024
Urteil im Fall Çalar 10 Jahre Freiheitsstrafe Landgericht, 2026

Warum die Schutzlücke besteht

Die Verschärfung des § 114 StGB im Jahr 2017 war eine Reaktion auf zunehmende Gewalt gegen Vollstreckungsbeamte und Rettungskräfte. Der Gesetzgeber definierte den geschützten Personenkreis jedoch eng: Polizisten, Feuerwehrleute, Rettungssanitäter und Katastrophenschutzhelfer. Zugbegleiter, Busfahrer und anderes Verkehrspersonal blieben außen vor, obwohl sie regelmäßig in Konfliktsituationen geraten, etwa bei Fahrscheinkontrollen oder dem Durchsetzen der Hausordnung.

Die EVG argumentiert, dass Zugbegleiter in vergleichbaren Gefährdungslagen arbeiten wie Rettungskräfte: allein, in geschlossenen Räumen, oft ohne schnelle Rückzugsmöglichkeit. Anders als Polizisten tragen Zugbegleiter keine Schutzausrüstung und haben kein Recht auf Zwangsmittel. Die Gewerkschaft sieht in der fehlenden Gleichstellung ein Signal, das potenzielle Täter ermutigt.

Wie die Bundesregierung reagiert

Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) sagte im August 2026: „Sicherheit im Zug ist kein Randthema.“ Der Minister kündigte Gespräche innerhalb der Regierung an, um höhere Strafmaße zu ermöglichen. Ein Sprecher des Bundesjustizministeriums erklärte, ein entsprechender Gesetzentwurf befinde sich „noch in der regierungsinternen Abstimmung“. Ziel sei eine Verabschiedung noch im Jahr 2026.

Offen blieb allerdings die entscheidende Frage: Ob Zugbegleiter tatsächlich in den geplanten Gesetzentwurf aufgenommen werden, ließ das Justizministerium bisher unbeantwortet. Diese Unklarheit nährt den Verdacht der EVG, dass die Regierung das Thema zwar aufgreift, aber den konkreten Schutz des Zugpersonals nicht garantiert.

Welche Folgen ein Streik hätte

Ein bundesweiter Streik im Regionalverkehr würde Millionen Pendler treffen. Der Regionalverkehr befördert nach Angaben der Deutschen Bahn täglich rund 6,7 Millionen Fahrgäste im Nah- und Regionalverkehr. Ein einzelner Streiktag kostet die deutsche Wirtschaft nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft bis zu 100 Millionen Euro (WirtschaftsWoche, 2024). Diese Summe umfasst Produktionsausfälle, Verspätungskosten in Lieferketten und den Ausweichverkehr auf Straßen.

Die Erfahrungen aus den GDL-Streiks der vergangenen Jahre zeigen, wie schnell Arbeitskämpfe im Bahnverkehr eskalieren können. Die EVG hat mit rund 185.000 Mitgliedern eine deutlich breitere Basis als die Lokführergewerkschaft GDL und könnte den Betrieb über den reinen Zugverkehr hinaus beeinträchtigen, da die EVG auch Beschäftigte in Werkstätten, Stellwerken und der Verwaltung vertritt.

Einordnung

Die EVG-Drohung folgt einem Muster, das in der deutschen Tarifpolitik seit Jahren an Schärfe gewinnt: Gewerkschaften nutzen gesellschaftliche Empörung nach konkreten Vorfällen, um politische Forderungen mit wirtschaftlichem Druckmittel zu verbinden. Die drei Druckhebel der EVG sind dabei klar kalkuliert. Erstens: die öffentliche Sympathie nach dem Tod von Serkan Çalar. Zweitens: die ökonomische Wucht eines Regionalverkehr-Streiks. Drittens: die Frist bis Januar 2027, die der Regierung genug Zeit für ein Gesetz lässt, aber nicht genug für Verzögerungstaktik. Ob die Strategie aufgeht, hängt davon ab, ob das Justizministerium Zugbegleiter tatsächlich in den Entwurf aufnimmt. Ein Gesetz ohne diese Erweiterung dürfte die EVG nicht zufriedenstellen.

Häufig gestellte Fragen

Wann droht der EVG-Streik im Regionalverkehr?

Die EVG hat bundesweite Streiks im Regionalverkehr ab Januar 2027 angekündigt. Voraussetzung für den Arbeitskampf ist, dass die Bundesregierung bis Ende 2026 kein Gesetz zum Schutz von Zugbegleitern verabschiedet hat. Die Gewerkschaft fordert eine Aufnahme von Zugpersonal in den erweiterten Strafrahmen des § 114 StGB.

Wie viele Übergriffe auf Bahnpersonal gibt es in Deutschland?

Nach Angaben des Gesamtbetriebsrats von DB Regio werden statistisch jeden Tag acht Bahnbeschäftigte im Dienst angegriffen (Stand August 2026). Die Übergriffe reichen von Beleidigungen und Bedrohungen bis zu körperlicher Gewalt. Der tödliche Angriff auf den Zugbegleiter Serkan Çalar im Februar 2026 war der schwerwiegendste Vorfall der jüngeren Vergangenheit.

Was kostet ein Bahnstreik die deutsche Wirtschaft?

Ein einzelner Streiktag im Bahnverkehr verursacht nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Kosten von bis zu 100 Millionen Euro. Diese Summe setzt sich aus Produktionsausfällen, Störungen in Lieferketten und zusätzlichem Straßenverkehr zusammen. Da der Regionalverkehr täglich rund 6,7 Millionen Fahrgäste befördert, wären die Auswirkungen eines EVG-Streiks besonders breit gestreut.

Quellen:
ZDFheute,
t-online

Jonas Wittmann
Jonas Wittmann

Jonas Wittmann ist Verbraucherredakteur und prüft Angebote, Preise und Verbraucherrechte. Er hat viele Jahre für eine Verbraucherzentrale gearbeitet, bevor er in den Journalismus wechselte. Bei Meldungen.net verantwortet er das Ressort Verbraucher.

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