Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) hat am 25. August 2026 einen Wasserresilienz-Pakt mit zehn Zielen vorgelegt. Der Vorstoß richtet sich an die Bundesregierung und fordert, Wassersicherheit als Standortfaktor in die politische Agenda aufzunehmen, während Niedrigwasser an Rhein, Elbe und Donau die Binnenschifffahrt erneut lahmlegt.
- Die DWA fordert in einem Zehn-Punkte-Pakt, Wasserresilienz als nationale Gemeinschaftsaufgabe zu verankern.
- 60 Prozent der deutschen Flussmessstellen zeigen laut CORRECTIV-Analyse signifikant sinkende Wasserstände über 34 Jahre.
- Der volkswirtschaftliche Schaden durch Niedrigwasser und Hitze liegt bei geschätzt 500 Millionen Euro, der BIP-Effekt bei 0,3 Prozentpunkten.
- Konkrete Maßnahmen reichen von Schwammstädten über Wasserwiederverwendung bis zu regionalen Wasserbilanzen.
DWA legt Zehn-Punkte-Pakt zur Wasserresilienz vor
Die DWA, mit rund 13.500 Mitgliedern die mitgliederstärkste Fachvereinigung für Wasserwirtschaft in Europa, hat den Wasserresilienz-Pakt gezielt zur Kabinettsklausur der Bundesregierung veröffentlicht. Das Papier formuliert zehn Ziele, die Wassersicherheit als Standortfaktor in der politischen Planung verankern sollen. DWA-Vorständin Dr.-Ing. Lisa Irwin-Broß erklärte dazu: „Wassersicherheit entscheidet zunehmend mit über die Zukunftsfähigkeit unseres Standorts.“
Der Pakt verfolgt einen Systemansatz, der Wasserresilienz nicht als Umweltthema, sondern als Voraussetzung für wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit definiert. Die zehn Ziele umfassen unter anderem die Einführung regionaler Wasserbilanzen, den Ausbau von Schwammstädten und Schwammdörfern als Investitionsschwerpunkt, den Schutz von Mooren, Auen und Gewässern als natürliche Infrastruktur sowie die Ermöglichung von Wasserwiederverwendung in der Landwirtschaft und Industrie.
Die Lage an Deutschlands Flüssen in Zahlen
Die Dringlichkeit des DWA-Vorstoßes zeigt sich an den aktuellen Pegelständen. An Rhein, Elbe und weiteren Bundeswasserstraßen herrscht seit Wochen Niedrigwasser, das den Gütertransport per Binnenschiff massiv einschränkt. Der CORRECTIV-Fluss-Atlas, veröffentlicht am 20. August 2026, liefert die bislang umfassendste Datenanalyse zur Entwicklung der deutschen Flusssysteme.
| Kennzahl | Wert | Quelle, Stand |
|---|---|---|
| Messstellen mit sinkendem Pegel | 60 % von 356 Messstellen | CORRECTIV Fluss-Atlas, August 2026 |
| Messstellen mit historischem Tiefstand (2018–2025) | ca. 70 % | CORRECTIV Fluss-Atlas, August 2026 |
| Historischer Tiefstand Rhein bei Kaub | 6 cm | CORRECTIV Fluss-Atlas, August 2026 |
| BIP-Reduktion durch Schifffahrtsstillstand | 0,3 Prozentpunkte | CORRECTIV, August 2026 |
| Geschätzter Wirtschaftsschaden | ca. 500 Mio. Euro | CORRECTIV, August 2026 |
| DWA-Mitglieder in Europa | ca. 13.500 | DWA, August 2026 |
Warum der Zeitpunkt politisch brisant ist
Der DWA-Wasserresilienz-Pakt trifft auf eine Bundesregierung, die Klimaanpassung bislang überwiegend im Bereich Hochwasserschutz adressiert hat. Die Dürre- und Niedrigwasservorsorge, eines der zehn Ziele des Pakts, ist in der bundespolitischen Praxis bislang kaum institutionell verankert. Die Periode 2018 bis 2020 gilt nach wissenschaftlichen Auswertungen als die trockenste und heißeste seit 250 Jahren. Seitdem sind die Niedrigwasserphasen häufiger und länger geworden.
Die DWA positioniert den Pakt bewusst als wirtschaftspolitisches Dokument. Am Rhein bei Andernach verzeichneten die Behörden den stärksten Pegelrückgang aller 356 untersuchten Messstellen seit 1992. Der sogenannte NM7Q-Wert, der den minimalen Sieben-Tage-Durchschnitt des Abflusses misst, zeigt an zahlreichen Stationen eine kontinuierliche Verschärfung. Das bedeutet: Die Tiefpunkte werden tiefer und die kritischen Phasen länger.
Wer vom Niedrigwasser betroffen ist
Die Folgen treffen nicht nur die Binnenschifffahrt. Niedrigwasser an Rhein und Elbe hat direkte Auswirkungen auf die Chemie- und Stahlindustrie entlang der Flussufer, auf die Energieerzeugung durch Wasserkraft und auf die Kühlung von Kraftwerken. Die DWA verweist in dem Pakt auf Ernteausfälle durch Trockenheit, auf Waldbrände und auf die Belastung von Städten und Gesundheitseinrichtungen durch Hitzeperioden.
Das Ziel „Schwammstadt und Schwammdorf als Investitionsschwerpunkt“ richtet sich an Kommunen, die ihre Siedlungsflächen so umbauen sollen, dass Regenwasser versickern und verdunsten kann, statt in die Kanalisation abzufließen. Die DWA fordert außerdem, Wasserwiederverwendung rechtlich und technisch zu ermöglichen. In Landwirtschaft und Industrie könnte aufbereitetes Abwasser einen Teil des Frischwasserbedarfs decken.
Drei Handlungsfelder des Wasserresilienz-Pakts
Der Zehn-Punkte-Pakt lässt sich in drei Handlungsfelder gliedern. Das erste Feld betrifft den Schutz natürlicher Wasserspeicher: Moore, Auen und Gewässer sollen als natürliche Infrastruktur bewahrt und wiederhergestellt werden. Das Konzept der Schwammlandschaft zielt darauf ab, die Landschaft insgesamt wasseraufnahmefähiger zu machen.
Das zweite Handlungsfeld umfasst die technische und planerische Vorsorge. Regionale Wasserbilanzen sollen erstmals systematisch erfassen, wie viel Wasser einer Region zur Verfügung steht und wie viel entnommen wird. Die Dürre- und Niedrigwasservorsorge soll professionalisiert werden, was konkret bedeutet: Frühwarnsysteme, Notfallpläne und Priorisierungsregeln für die Wasserverteilung bei Knappheit.
Das dritte Handlungsfeld zielt auf Umsetzungsgeschwindigkeit. Die DWA kritisiert, dass Planungs- und Genehmigungsverfahren für wasserwirtschaftliche Maßnahmen zu lange dauern. Das Ziel „Umsetzung beschleunigen“ fordert Verfahrensvereinfachungen nach dem Vorbild der Beschleunigungsgesetze im Energiesektor. Klimaanpassung solle zudem messbar gemacht werden, mit definierten Indikatoren und regelmäßigem Monitoring.
Der DWA-Wasserresilienz-Pakt reiht sich in eine Serie europäischer Initiativen ein. Die EU-Kommission hat im Frühjahr 2026 eine eigene Wasserresilienz-Strategie vorgelegt. Auf Bundesebene fehlte bislang ein vergleichbares Dokument, das die verschiedenen Handlungsfelder bündelt. Ob die Bundesregierung den Pakt aufgreift, hängt maßgeblich davon ab, ob Wasserresilienz als Infrastrukturthema oder als Umweltthema behandelt wird. Die DWA argumentiert für Ersteres, weil nur dann die nötigen Investitionssummen politisch durchsetzbar seien. Die nächste Nagelprobe ist der Bundeshaushalt 2027, dessen Eckpunkte im Herbst stehen.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Wasserresilienz-Pakt der DWA?
Der Wasserresilienz-Pakt ist ein Zehn-Punkte-Papier der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall. Die DWA fordert darin, Wassersicherheit als nationale Gemeinschaftsaufgabe zu verankern. Der Pakt umfasst Maßnahmen von Schwammstädten über Wasserwiederverwendung bis hin zu regionalen Wasserbilanzen.
Warum ist Niedrigwasser ein wirtschaftliches Problem?
Niedrigwasser an Bundeswasserstraßen wie dem Rhein schränkt die Binnenschifffahrt ein und stört Lieferketten der Industrie. Nach Berechnungen des CORRECTIV-Fluss-Atlas reduziert ein Schifffahrtsstillstand auf dem Rhein das Bruttoinlandsprodukt um 0,3 Prozentpunkte, der geschätzte Gesamtschaden liegt bei rund 500 Millionen Euro.
Was sind Schwammstädte?
Schwammstädte sind ein städtebauliches Konzept, bei dem Siedlungsflächen so gestaltet werden, dass Regenwasser versickern und verdunsten kann, statt in die Kanalisation zu fließen. Begrünte Dächer, offene Wasserflächen und entsiegelte Böden speichern Wasser und kühlen gleichzeitig die Stadt bei Hitze.
Quellen:
DWA/Presseportal,
CORRECTIV Fluss-Atlas